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Kanon

Als Claudia Grays Verlorene Welten im Zuge der „Journey to Das Erwachen der Macht“-Reihe veröffentlicht wurde, stand es eher weniger im Fokus der meisten Leser. Die Aufmerksamkeit bekam vorrangig das viel gehypte „Nachspiel“ und erst nach dieser Enttäuschung sahen sich manche nach dem zuvor außer Acht gelassenen Jugend-Roman um. Zugegebenermaßen wirkte die Bezeichnung „Young-Adult-Novel“ im ersten Moment abschreckend; viele erwachsene Fans hatten in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit Disneys Plan, Star Wars den jüngeren Altersschichten näher zu bringen, gemacht. Doch Verlorene Welten ist keinesfalls Kinderliteratur, ganz im Gegenteil. Gerade in Jugendbüchern werden die Themen, die postpubertäre Menschen ihr Leben lang beschäftigen, oft am authentischsten dargestellt. Im Folgenden möchte ich euch an ein paar Punkten teilhaben lassen, die mir beim Lesen so durch den Kopf gegangen sind:

  • Die beiden Hauptfiguren Ciena Ree und Thane Kyrell stammen von einer unbedeutenden Welt am Rande der Galaxis, auf der das Imperium einige Jahre nach seiner Gründung Einzug hält. Trotz ihrer Herkunft aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten freunden sich die beiden an und träumen davon, gemeinsam die imperiale Akademie zu besuchen und in der mächtigen Flotte als Piloten zu dienen. Da beiden aufgrund ihres Talents eine vielversprechende Karriere bevorsteht, finden sie sich schon bald am Schauplatz der wichtigsten Ereignisse wieder, die uns natürlich aus Rogue One und der Originaltrilogie bekannt sind. Auch wenn man in den Filmen oftmals das Gefühl vermittelt bekommt, dass sich das Geschehen nur um ein paar Wenige dreht, sind gerade an den Schlachten tausende Soldaten abseits der Bildfläche beteiligt und dank des Romans erhält man die Möglichkeit, die Handlung aus ihren Blickwinkeln wahrzunehmen und sie so aus einem ganz anderen Licht zu sehen. Dennoch ist von vornherein klar, dass die Geschichte der Liebenden im Mittelpunkt steht. Gewissermaßen hat man im Buch also zwei Zeitstreifen, die beide die Jahre 11 VSY bis 5 NSY abdecken und tief miteinander verflochten sind.
  • Zugegebenermaßen: Manchmal sind diese Schnittstellen schon etwas an den Haaren herbeigezogen, aber das ist der Autorin selbst auch bewusst. Daher dürfen sich Ciena und Thane auch immer wieder wundern, wieso sie von allen imperialen Schiffen ausgerechnet auf dem einen stationiert sind, auf das es ankommt. In-Universe wird dafür auch eine passende Erklärung gefunden: Die omnipräsente Macht scheint sie wohl zu shippen.
  • Aufgrund des langen Zeitraumes, welchen das Buch umfasst, und der Tatsache, dass dieser durch Disney im neuen Kanon bereits ziemlich ausführlich gefüllt wurde, sind Referenzen zu anderen Medien geradezu obligatorisch. Die Autorin ist sich dieser Verantwortung auch bewusst und baut gekonnt Anspielungen auf die TV-Animationsserien oder auch die Aftermath-Trilogie ein. Die Story Group scheint ihrer Aufgabe also durchaus gerecht zu werden, denn gerade bei der Schlacht von Jakku, die in Das Ende des Imperiums detaillierter beschrieben wird, während sich Gray auf Cienas und Thanes Erlebnisse fokussiert, merkt man die inhaltliche Kontinuität.
  • Zu bemängeln ist jedoch die defizitäre Kontinuität des Leseerlebnisses: Manche, eher unbedeutende Szenen sind viel zu lange dargestellt und andermal wiederum wird auf einen Zwischenhöhepunkt hingearbeitet, nur um dann plötzlich das Setting zu wechseln und einen krassen Zeitsprung folgen zu lassen, der beim Leser Fragen über Fragen aufwirft und die Spannung hinwegnimmt.
  • Claudia Grays Schreibstil hingegen ist meisterlich: Man kann im Verlauf der Handlung geradezu spüren, wie er sich „mitentwickelt“ - er wird gewissermaßen „erwachsener“, je älter die Figuren werden. Das Buch liest sich insgesamt sehr flüssig und angenehm und der Autorin gelingt es, auch die komplexesten und abstrusesten Gedankengänge (wie Cienas Ehrgefühl) nachvollziehbar darzustellen. Trotz des Fokus auf Ciena und Thane erschafft sie zahlreiche stringente Nebenfiguren, die dabei helfen, einen Kontrast zu den Liebenden darzustellen und sie gleichzeitig verständlicher für den Leser zu machen.
  • Was mir persönlich einen bitteren Beigeschmack hinterlassen hat, ist - ohne zu viel verraten zu wollen - das offene und zumindest mich unzufriedenstellende Ende. Auch wenn der Konflikt, um den sich die Geschichte dreht, sozusagen abgeschlossen wurde, hätte ich mir als Epilog auch eine „Auflösung“ der als letztes beschriebenen Situation erwünscht.
  • Wie in der Einleitung bereits erwähnt, ist das wahre Highlight des Buches eigentlich die, für das sonst so prüde Star-Wars-Universum ungewöhnlich offene Behandlung von Jugendthemen wie Sex, Pornografie, Drogen, Nachtleben, Stress mit den Eltern etc. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Star-Wars-Literatur diese Richtung beibehält und die Fantasiewelten so umso authentischer werden lässt.

Alles in allem ist Verlorene Welten eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die weniger an den äußeren Einflüssen als an den inneren Überzeugungen scheitert. Die Tragödie der beiden Star-crossed-Liebenden Ciena Ree und Thane Kyrell ist wahnsinnig berührend gestaltet und fesselt mich immer wieder aufs Neue, weswegen das Buch neben Dark Disciple zu meinen absoluten Lieblings-Kanon-Romanen gehört.

Lost Stars

Deutsches Cover

  • Star Wars: Verlorene Welten wurde von Claudia Gray geschrieben und erschien im September 2015 bei Disney-Lucasfilm Press in den USA. Die Auflage, die ich rezensieren werde, ist die deutsche eBook-Ausgabe.
  • Die Taschenbuch-Version hat 416 Seiten und ist seit dem 16. November 2015 für 12,99 € (Preisempfehlung des Verlags) bei Panini in Deutschland erhältlich.

(Anmerkung: Kann mir eigentlich irgendjemand erklären, wieso „Stars“ mit „Welten“ übersetzt wurde?!)