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Hinweis: Die Rezension bezieht sich auf einen Kanon-Roman!

Gut eineinhalb Jahre sind inzwischen seit meiner ersten Rezension für die Jedipedia vergangen, aber ich habe seitdem kein Buch in die Finger bekommen, das mich mehr enttäuscht hat als Chuck Wendigs berühmt-berüchtigtes „Nachspiel“. Wir erinnern uns: Ich hatte Disney vorgeworfen, auf Kosten des Autors das Buch unnötig – und ungerechtfertigter Weise – zu hypen und den treuen Fans absichtlich viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Mein inhaltliches Fazit des Buches war, dass es kaum Mehrwert für den Kanon hatte, mehr Fragen aufwarf als es Antworten gab und Wendig sich zu sehr verkünstelt hatte. Als ich erfuhr, dass es nicht bei diesem einen Werk bleiben sollte, sondern eine ganze Trilogie daraus entstehen sollte, war ich nahe am Verzweifeln. In der Zwischenzeit hatte ich dank Blanvalet zum Glück die Gelegenheit, mich mit einigen Meisterwerken aus dem „Legends“-Universum auseinander zu setzen und erstmal etwas Abstand von der neuen Kanon-Literatur zu gewinnen. Nachdem mir einige Kollegen versichert hatten, dass die anderen beiden Bände der „Nachspiel“-Trilogie um einiges besser als ihre Exposition seien, habe ich mich doch noch dazu überwinden können, „Lebensschuld“ zu rezensieren. Mit entsprechend wenigen Erwartungen und der Hoffnung, endlich wieder ein Buch so richtig schön kritisieren zu können (das macht nämlich um einiges mehr Spaß als die ständige Lobhudelei), bin ich also an die Lektüre gegangen.
Wie immer, zuerst einmal die wichtigsten Fakten:

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Deutsches Cover

  • Star Wars: Lebensschuld wurde von Chuck Wendig geschrieben und erschien im Juli 2016 bei Del Rey in den USA. Die Auflage, die ich rezensieren werde, ist die deutsche eBook-Ausgabe.
  • Die Paperback-Version hat 576 Seiten und wurde von Andreas Kasprzak übersetzt. Sie ist seit dem 20. März 2017 für 14,00 € (Preisempfehlung des Verlags) bei Blanvalet in Deutschland erhältlich.


Das Cover des Romans ist relativ unspektakulär: Man sieht den Millennium Falken auf der Flucht vor TIE-Jägern, der Titel des Buches prangt vor einem gelbem Hintergrund. Schon bei der Widmung („Für alle, deren Herz höher schlägt, wenn Han Solo auf der Leinwand, dem Bildschirm oder der Buchseite auftaucht“) wird deutlich, dass für den Autor Han Solo im Mittelpunkt der Handlung steht. Ohne Wendigs Fanliebe für den Schurken anzweifeln zu wollen (denn wer in der ganzen Galaxis könnte dem Charme des Rabauken nicht erliegen?), muss man sich natürlich bewusst machen, dass die „Großen Drei“ (Luke, Leia und Han) wesentlich mehr zum Kauf anregen, als wenn man das Marketing auf die eigentlichen Hauptcharaktere konzentriert hätte. Bei mir hat sich jedoch schon der logische Nebeneffekt eingestellt: Die Großen Drei gehen mir inzwischen so dermaßen auf die Nerven. Gefühlt kein einziges Kanon-Werk kommt mehr ohne sie aus und auch wenn ich das Rebellen-Trio ursprünglich wie jeder andere auch gefeiert habe, wünsche ich mir momentan nur noch, dass sie einfach mal von der Bildfläche bzw. meiner Buchseite verschwinden würden. Das liegt auch maßgeblich daran, dass jeder Autor, der sich mit ihnen auseinander setzt, die Episoden 4-6 als Vorlage für sein „character building“ verwendet, sodass dieselben klischeehaften Sprüche immer und immer wieder fallen und Han, Luke und Leia auf die ihnen in den Filmen verpassten Rollen reduziert werden. Klar, dem Wiedererkennungsfaktor ist damit Rechnung getragen, aber die Figuren entwickeln sich halt nicht wirklich weiter. Damit sagen will ich, dass ich echt froh war, als ich beim Lesen gemerkt habe, dass Wendig auch in seinem zweiten Roman hauptsächlich die Geschichte der Wexley-Crew erzählt und die Großen Drei bzw. Zwei (Luke ist immer noch MIA) nur in Schlüsselszenen einsetzt.

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Die Story beginnt damit, dass eben erwähnte Crew weiterhin Jagd auf flüchtige imperiale Offiziere macht, um sie ihrer gerechten Strafe zu zuführen. Allerdings sind sie noch weit davon entfernt, als Einheit zu operieren und Norra Wexley muss immer wieder zwischen den einzelnen Mitgliedern vermitteln, wenn man sich mal wieder über die richtige Vorgehensweise streitet. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten sind sie aber inzwischen zu einer richtigen Familie geworden und halten zusammen, wenn es darauf ankommt – so auch als die schwangere Leia sie für eine inoffizielle Such-/Rettungsmission für ihren Ehemann anheuert, der wiederum auf der Suche nach Chewbacca ist und in Schwierigkeiten geraten ist. Das Team bricht also zum Heimatplaneten der Wookiees Kashyyyk auf und macht dabei einige erstaunliche Entdeckungen, deren Konsequenzen erst später im Buch offenbart werden…

Die imperiale Hauptwidersacherin aus Band 1, Rae Sloane, muss sich währenddessen mit dem mysteriösen Flottenadmiral Gallius Rex und seinen Zukunftsplänen für das Imperium, die stark von ihren eigenen Wertvorstellungen abweichen, auseinandersetzen. Hierbei wird noch viel mehr als in „Nachspiel“ deutlich, dass Neue Republik und Imperium nicht mehr als homogene Fraktionen auftauchen, wie man sie aus den Filmen kennt, sondern sich unzählige Splittergruppen herausgebildet haben, die gegeneinander um Macht kämpfen. Aus Mangel an besseren Alternativen versucht Sloane, sich mit Rex abzufinden, während sie Nachforschungen über seine Vergangenheit anstellt, aber zu spät erkennt sie seine eigentlichen Absichten…

Wie man es von Wendig gewohnt ist, überschneiden sich die Handlungsstränge immer wieder, bis sie schließlich zum Ende hin zusammenlaufen. Auch die für ihn typischen „Interludes“ gibt es, die immer wieder in die Haupthandlung eingeschoben werden und einen Blick auf andere Orte und Personen der Galaxis werfen. Während ich im ersten Band noch dankbar für jedes Intermezzo war und sie um Längen besser als das restliche Buch fand, erschien mir in „Lebensschuld“ das Verhältnis Interlude-Handlung viel ausgewogener und durchdachter. Besonders positiv überrascht hat mich, wie die Relevanz des scheinbar unwichtigen Auftaktes erst durch den Epilog plötzlich deutlich wurde und wie sich zwischen manchen Intermezzi inzwischen ein Zusammenhang erkennen lässt. Auch wenn die Überlegungen dahinter vermutlich auch im letzten Band nicht vollständig aufgelöst werden, kommt man nicht umhin, das Gefühl zu haben, dass gerade die sorgfältig gestreuten Vader-Anspielungen sich in naher Zukunft für den Kanon noch als sehr wichtig erweisen werden. So zumindest meine Hoffnung, dass trotz Disneys Profit-orientierter Veröffentlichungsstrategie wenigstens die eigens für diesen Zweck gegründeten Story Group den Überblick behält und es nicht nur Wunschdenken ist.

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Was mir ebenfalls besonders gut an „Lebensschuld“ gefallen hat, war, dass Wendig die Handlung über viele Schauplätze verteilt und die Hauptcharaktere über die ganze Galaxis verstreut hat, sodass das für Star Wars typische Feeling von einem Krieg an mehreren Fronten aufkommen konnte – vor allem im Vergleich zum ersten Band, in dem die räumliche Ausdehnung der Story mehr oder weniger auf einen Planeten beschränkt blieb. Ich bin immer ein großer Fan davon, neue Planeten und ihre Beschaffenheit kennen zu lernen, da das nicht nur zeigt, wie vielfältig und wandelbar das Star-Wars-Universum sein kann, sondern auch die Handlung durch die zahlreichen Szenenwechsel dynamischer werden lässt. Natürlich besteht die Gefahr, dass der Leser irgendwann den Überblick verliert, aber dadurch dass Wendig mit relativ wenigen Figuren arbeitet, die einem für das Verständnis der Handlung im Gedächtnis bleiben müssen, und diese größtenteils schon aus Band 1 bekannt sind, hat man eine recht gute Vorstellung davon, wer gerade wo und warum ist. Erfreulich ist auch, dass der Autor Welten wie Kashyyyk oder Jakku getreu der Filme beschreibt und so beim Leser ein Gefühl der Vertrautheit erzeugt. Schwerer tut er sich hingegen bei der Darstellung von Han und Leia – beide verhalten sich zwar meist so, wie man es erwarten würde, aber manche ihrer Aussagen oder Aktionen passen überhaupt nicht zu ihnen und reißen einen zwischendurch förmlich aus dem Lesefluss. Zugegebenermaßen ist es für einen Autoren aber auch unmöglich, es allen Lesern recht zu machen, wenn diese teilweise vierzig Jahre lang Zeit hatten, um sich ihr eigenes Bild von diesen Charakteren zurecht zu legen.

Hauptkritikpunkt an „Nachspiel“ war ja bekanntermaßen die sprachlich-stilistische Gestaltung des Werks. Bemängelt wurden die Verwundung des Präsens als Erzählzeit sowie die sehr knapp gehaltenen Sätze und umgangssprachlichen Wendungen. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran lag, dass ich den zweiten Band auf Deutsch und nicht mehr auf Englisch gelesen habe oder ob Wendig sich sprachlich einfach verbessert hat, aber bei „Lebensschuld“ hatte ich wirklich keine Probleme mehr damit. Stattdessen bekommt man das Gefühl, einige Ereignisse nicht nur aus der Sicht mancher Personen wahr zu nehmen, sondern auch in deren Worten beschrieben zu bekommen und von einer Kopfgeldjägerin kann man nun vielleicht nicht die eloquentesten Satzgefüge erwarten.

Wovon das Buch aber wirklich lebt, ist die Weiterentwicklung der Hauptcharaktere und ihre Interaktionen miteinander. Da wäre zum einen Norra Wexley, die – ähnlich wie Hera Syndulla bei der Ghost-Crew in „Star Wars: Rebels“ – die Mutter-Rolle im Team innehat, jedoch nicht nur im übertragenen, sondern auch im wortwörtlichen Sinne: Sie muss sowohl mit der enormen Verantwortung, die auf ihren Schultern lasst, als auch mit ihrem pubertierenden Sohn Temmin, den sie jahrelang nicht gesehen hat und der sich teilweise immer noch wie ein aufmerksamkeitssuchendes Kleinkind verhält, klarkommen und wird im letzten Teil des Buches mit einem drastischen Schicksalsschlag, der ihre Gefühle komplett durcheinander wirft, konfrontiert. Jas Emari tut sich nach wie vor schwer damit, ihr Nomadenleben als Kopfgeldjägerin zurückzulassen und im Team zu arbeiten, vor allem da sie noch einige dringliche Familienschulden abzubezahlen hat. Immer wieder steht sie also vor der Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben und es ist ganz interessant zu sehen, dass sie sich eigentlich schon relativ früh entschieden hat, aber es sich selbst nicht eingestehen will. Ähnlich ist es auch bei Jom Barell, der erkennen muss, dass seine Loyalität nicht unbedingt seinen Vorgesetzten, sondern dem Team und der Frau, zu der er im Laufe des Buches starke Gefühle entwickelt, gehört.
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Entsprechende Romanze kommt für den Leser etwas überraschend und findet meistens hinter geschlossenen Türen statt, sodass sie, außer als Erklärung für einen plötzlichen Sinneswandel eines Charakters zu dienen, eher nebensächlich für die Handlung ist. Enttäuscht war ich von der Rolle des modifizierten Kampfdroiden Mister Bones, der im ersten Band noch mit seinen sarkastischen Sprüchen glänzte, aber in „Lebensschuld“ gänzlich auf seine Funktion als Temmins Bodyguard reduziert wird. Besonders interessant zu lesen waren hingegen Rae Sloanes Szenen, die mit dem momentanen Kurs, den das Imperium unter Rax eingeschlagen hat, überhaupt nicht einverstanden ist und ich freue mich schon auf ein Showdown zwischen den beiden in Band 3. Der letzte Akt des Buches hat jedenfalls für alle Charaktere sehr viel verändert, worauf ich jedoch aus spoilertechnischen Gründen erst in meiner nächsten Rezension genauer eingehen werde.

Als letztes muss ich Wendig dafür loben, wie er es – zusätzlich zu den Interludes – schafft, Verbindungen zu anderen Ären und Winkeln des Star-Wars-Universums aufzubauen. Oft sind es nur kleine Erwähnungen oder lediglich Namen, wie die aus dem Online-Videospiel SWTOR bekannte corellianische Hauptstadt „Coronet City“, Hux und Maz Kanata aus „Das Erwachen der Macht“, die Kopfgeldjägerin Sugi aus der TV-Animationsserie „The Clone Wars“ uvm., aber gerade das lässt mein Herz als langjähriger Jedipedia-Autor aufgehen, da es zeigt, dass ein echter Fan – jemand, der sich wirklich auskennt – das Buch geschrieben hat. Besonders eine Szene hat mich sehr stark an die Operation „Ewige Kammer“ erinnert, wohingegen eine andere Parallelen zur Order 66 enthielt.

So erwartungslos wie ich diese Rezension begonnen habe, so erwartungsvoll möchte ich sie nun beenden: Chuck Wendig hat es nach seinem gewaltigen Fauxpas, der ein gesamtes Buch lang andauerte, tatsächlich geschafft, ein den Käufern würdiges Werk hinzulegen und meine Meinung über ihn ins Positive zu ändern. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich freue mich gerade echt auf das Finale der Trilogie, das endlich ein paar Antworten bezüglich des Schicksals des Imperiums und der Schlacht von Jakku geben soll. Da ich das Gefühl habe, beim Lesen dieses Romans sehr voreingenommen gewesen zu sein und ich es größtenteils im Verhältnis zu seinem katastrophal schlechten Vorgänger betrachtet habe, möchte ich dieses Mal auf eine Punktevergabe verzichten und euch die abschließende Bewertung in Form eines Polls überlassen. So oder so würde Chuck Wendigs „Lebensschuld“ bei mir jedoch eindeutig am oberen Ende der Punkte-Skala landen ;-).gif

Bewerte „Lebensschuld“ in Punkten:
 
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Die Umfrage wurde am 14. April 2017 um 20:36 erstellt. Bisher haben 4 Nutzer abgestimmt.

Vielen Dank fürs Lesen und ich freue mich auf eure Meinung zum Buch in den Kommentaren oder in den Diskussionen!

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